Sonntag, 25. November 2012

DER FAECHER MIT NEIN AUF DER BRUST


NO, NOT ME





Nein, nicht ich



DER FAECHER AUF DER BRUST

Das Shopping in BigCplus lockt jeden für sich erst einmal zu seinem Lieblings-Futter; der eine geht zu Fischen und Shrimps, die andere zu den Früchten. Eine vorübergehende kleine Trennung ist normal.

Vor zwei Tagen passierte es, dass ich mich zwischen der Fleisch-Abteilung und den Kassen aufhielt. Beim Anblick der unterschiedlichen Wurstwaren kam ich ins Grübeln. Eine Sorte war besonders groß verpackt, eine rund verpackte Elefanten-Wurst da in der Kühltruhe aus Schwein versteht sich. Wie könnte ein Dieb eine solche Wurst klauen? Unmöglich. Sie war einfach zu groß. Noch war ich mit diesem Ergebnis beschäftigt und noch baute sich eine Mauer in mir auf, ich ein Dieb?, ausgerechnet hier zum ersten Mal in meinem Leben? Und ausgerechnet eine solche Wurst? Niemals, so sehr mein Appetit auf Wurst auch angewachsen war. Offenbar hatte ich Wurst-Defizite nach längeren Phasen des Sparens und der Tendenz, eher vegetarisch zu essen. Wie nach einem längeren Fasten, das die Hirnströme aktiviert und den Raubtier-Instinkt frei setzt, das die gesamte Intelligenz kulminieren lässt, schossen die Gedanken nur so durch meinen Kopf. Da fiel mein Blick auf einen Teller mit Wurst-Stücken, fein nebeneinander und jeweils mit einem Happen-Hölzchen versehen. Schmeckhappen! KOSTPROBEN!!

Wie im Trance nahm ich mir eine solche Schmeck-Vorrichtung vor, spießte zugleich das nächste und übernächste Häppchen auf, eines wäre normal, zwei würden vielleicht durchgehen, insgesamt vier oder fünf, und war im Begriff, das Ganze oben in meinem Mund verschwinden zu lassen. Noch ehe dies gelang, erreichte mich der Blick der Wurst-Verkäuferin, die etwas abseits zu tun hatte, und nun, angesichts meiner Absicht, die Kühltruhen entlang eilig auf mich zukam, während mein Super-Happen noch auf halben Wege war. Sie ahnte, nichts mehr verhindern zu können, nicht schnell genug sein zu können, und schickte deshalb einen Wort-Schwall voraus, der hauptsächlich aus zwei Lauten bestand:

Hungry!? Ähhei? 

Die Modulation war so, dass sich das Ähhei steil anhob und das "ei" sich wie eine Rute erhob. 

Vor lauter Schreck wegen dieses Verkaufs-Ungetüms fiel mir das fünfte Stück Wurst herunter auf den Boden. Mit gemischten Gefühlen bückte ich mich danach, wodurch sich die Lage nur noch verschlimmerte. Einerseits schmeißt man Wurst nicht einfach auf den Boden, andererseits war ich in Zeitnot, wohl wissend, dass ich Unrechtes tat, das letztlich aber erlaubt war, jedoch ein entlarvendes Licht auf mich warf, der gerne im Boden am liebsten verschwunden wäre.

Mom und Töchterchen beobachteten die Szene, jedoch ohne eine Miene zu verziehen, mit bemerkenswerter Neutralität und Emotionslosigkeit, die schon an Gleichgültigkeit heran reichte. Ich war auf frischer Tat, zu viele Häppchen gestapelt zu haben, vor lauter aufgestauter Wurst-Defizite, ertappt worden, zugleich aber frei gelassen worden, weil es irgendwie doch erlaubt war. Nur, Thailänder machen so etwas nicht. Mom und Töchterchen hielten also Distanz.

Das Hungry!? Ähhei? wurde schnell zu einem geflügelten Wort. Beim Eis-Essen, kleine Waffel mit einer Kugel aus Spar-Gründen, wurde darüber geschmunzelt, und ich war irgendwie dabei. Eine Autorität-Person sieht anders aus. Mit Flucht nach vorn machte ich mit. Aber nun kam der Hammer! Die beiden hatten nur auf eine Frage der Wurst-Verkäuferin gewartet:

"Gehört er zu Ihnen?"

Die totale Distanz diente nur einem Zweck, nämlich leugnen zu können, und das nicht einmal durch ein Wort, sondern nur durch eine Geste, nämlich einen verneinenden "Fächer" auf der Brust zu machen. 

Darum geht diese Geschichte auch als "Fächer auf der Brust" in meine kleine Sammlung ein.

Kommentare:

  1. Zwei Auszüge aus einer eMail an mich füge ich hier einmal zu einem "Kommentar" zusammen, weil mir darin eine Herbst-Dichtung so gut gefallen hat:

    "Deine beiden Mädel sind bezaubernd und die Wurstgeschichte ist köstlich, auch wie die beiden auf Deine Sucht nach Wurst (nach längerer Abstinenz) reagiert haben ... Hier ist novemberliche Melancholie, aber wir hatten auch schon herrliches Herbstwetter mit wunderbarer Baumfärbung. Vermißt Du das von Zeit zu Zeit? Ich glaube eher wenig, Wärme macht "warm ums Herz" und Deine beiden Herzallerliebsten tuen das ihrige dazu ...

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  2. "Deine beiden Herzallerliebsten tuen das ihrige dazu ..." - einen schöneren und treffenderen Ausdruck kann ich mir eigentlich nicht vorstellen und bedanke mich herzlich dafür. Wie lange hatte ich das Wort "Herzallerliebste" nicht gehört oder gelesen! Aber es kommt ja auch von einer in der Akademie der Wissenschaften hoch geachteten Persönlichkeit.

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